Kalenderblatt Monat AUGUST

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Am Freitag, dem 13. August jährt sich zum 60. Mal die Errichtung der Mauer.

Eben noch erklärte der DDR-Staats-Chef Walter Ulbricht am 15. 6.1961:  „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ als lediglich 8 Wochen später, am 13. August diese gebaut wird. Mit »Mauer« sind die von der SED errichteten Sperranlagen gemeint, die an der Berliner, der innerdeutschen und an der Grenze der sozialistischen Staaten zum “nicht-sozialistischen-Währungsgebiet« wie es im Jargon der DDR-Ideologen hieß, installiert wurden.

Mehr als vier Millionen Menschen verließen zwischen 1949 und 1989 die DDR, weil sie mit den politischen Verhältnissen und den Lebensbedingungen in dem SED-Staat nicht einverstanden waren. Die SED als herrschende Partei unternahm alles für sie Machbare, um die Menschen im Land zu halten bzw. Fluchten zu verhindern. Dabei nahm sie den Tod von Menschen bei Fluchtversuchen über die innerdeutsche Grenze bewusst in Kauf. Doch auch Fluchtversuche über die Grenzen anderer Ostblockstaaten sowie über die Ostsee endeten oftmals tödlich.

In Erinnerung daran beschließen Cottbuser Stadtverordnete vor 10 Jahren, am 15. Juni 2011 – im Rahmen der Festwoche anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus – auf dem Hügel des IKMZ ein aus Original Berliner Mauerteilen errichtetes Mauer-Denkmal zu enthüllen. https://www.cottbus.de/mitteilungen/2011-06/cottbus_hat_jetzt_einen_platz_der_deutschen_einheit.html Im Anschluss wurde die Benennung des „Platz der Deutschen Einheit“ an der Ecke Karl-Marx-Straße/Nordstraße vorgenommen.

Die 3,60 Meter hohen und 2,7 Tonnen schweren Stahlbetonfertigteile waren als »Vorderes Sperrelement« Bestandteil der Berliner Grenzanlagen.

In einem Seminar haben sich BTU-Studierende der Architektur mit dem Thema der Berliner Mauer und ihrer Wahrnehmung in West und Ost unter der Anleitung der Professoren Inken Baller (Architektur), Jo Achermann (Plastisches Gestalten) und Leo Schmidt (Denkmalpflege) auseinander gesetzt.

 

„Seit dem Abbruch der Mauer 1990/91 sind Hunderte von Mauersegmenten als Denkmäler aufgestellt worden“, sagt Prof. Dr. Leo Schmidt. „Davon allein rund 120 außerhalb Deutschlands. Fast immer zeigen sie die graffitibesprühte Westansicht der Mauer. Dagegen thematisiert der Entwurf von Maria Beyreuther, dass die Mauer nach Osten gerichtet war und die DDR-Bürger davon abhalten sollte, über West-Berlin aus dem Land zu entkommen.“

Das „Denkmal“ ist sowohl ein Denk- als auch ein Erinnerungs-Mal. Leo Schmidt (Symbol und Denkmal: Die Karriere der Berliner Mauer nach ihrem Fall, https://www.berliner-mauer-gedenkstaette.de/de/der-mauerbau-1961-970.html) führt aus:

Die Mauerelemente „… sind so zusammengestellt, dass ihre ursprünglich in Richtung West-Berlin weisende Fronten einen engen quadratischen Raum einschließen, in den man blicken kann, der aber praktisch unzugänglich ist. Rundum sichtbar sind dagegen die Fronten und der L-förmige Fuß, die ursprünglich zum Todesstreifen und darüber hinaus in Richtung Ost-Berlin bzw. DDR zeigten. Hier wird somit nicht die West-Ansicht der Mauer als Hauptschauseite verstanden und vorgewiesen, die sonst alle anderen Mauerdenkmale charakterisiert. Entsprechend der Funktion der Grenzanlagen, die die DDR-Bürger am Verlassen ihres Staates hindern sollten, wird stattdessen die nach Osten weisende Front als Hauptfassade interpretiert.“

Die Inschrift auf der dazugehörigen, am Fuß des Erinnerungsmals angebrachten, Tafel trägt darum auch den Titel der Autorin des Entwurfs, Maria Beyreuther: DRINNEN – DRAUßEN – DRÜBEN.

Wenn einer der Nachfolger Ulbrichts, DDR-Staats-Chef Erich Honecker, im Januar 1989 erklärt

„Die Mauer wird in 50 und auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben …“

(Zitat Tageszeitung NEUES DEUTSCHLAND vom 20.1.1989), hat er auf ungewollte und total veränderte Weise Recht behalten: Die Mauer hat es geschafft, sich vom einst restriktiven, gegen die eigene Bevölkerung gerichteten Instrument zum Zeitzeichen für Demokratie  zu wandeln. Die einst hundertfache, todbringende Sperrmauer und das ideologische Kampfmittel (Antifaschistischer Schutzwall“) ist zum Mahnmahl gegen jedwede Diktatur geworden. Es erinnert heute zum einen an die Opfer politischer Gewalt von Diktatur in der Vergangenheit und mahnt andererseits gegen erneute Diktatur und menschenfeindliche, rassistische und antisemitische Gewalt Gesicht zu zeigen.

Dem totalitären SED-gelenkten DDR-Regime war es nicht gelungen, weite Teile der Bevölkerung von der Glaubwürdigkeit des kommunistischen Systems zu überzeugen. Tatsächlich war die ostdeutsche Bevölkerung mit der Mauer selber gemeint. 

So kam es über die Jahre, dass in den Jahren von 1949 bis 1961 ungefähr 2.700.000 Menschen aus der DDR flohen. Die Grenze zwischen der BRD und der DDR war seit 1952 geschlossen. Bewohner der DDR dürfen sie nicht übertreten. Deshalb nutzten viele besonders das „Schlupfloch“ West-Berlin, um die DDR zu verlassen.

Mindestens 140 Menschen wurden zwischen 1961 und 1989 an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben. Dies ist der aktuelle Stand des gemeinsamen Projekts der Gedenkstätte Berliner Mauer und des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam, das vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) gefördert wird. Das Vorhaben erfasst alle verfügbaren Angaben zu Todes- und Verdachtsfällen. Grundlage sind zum einen amtliche und publizierte Todesopfer-Listen. Zum anderen stützt sich die Untersuchung auf eigene, umfassende Quellenrecherchen und Zeitzeugengespräche. Insgesamt wurden 576 Fälle erfasst und geprüft.

Nicht erfaßt sind in dieser Darstellung alle die, die an der (ost-)europäischen Grenze ums Leben kamen. Hier sind die Forschungen noch 30 Jahre nach dem Fall der Mauer unvollständig.

Ein Schicksal einer Cottbuser Bürgerin endete tödlich am späten Abend des 23. August 1972 in der Nähe des bulgarisch-jugoslawischen Grenzkontrollpunktes Katolina. Wera Sandner gemeinsam mit ihrem Freund Rolf Kühnle. Die genauen Umstände sind auch 49 Jahre nach dem gewaltsamen Tod und 60 Jahre nach dem Bau der Mauer ungeklärt.

Christopher Nehring[1] Tödliche Fluchten über Bulgarien Die Zusammenarbeit von bulgarischer und DDR-Staatssicherheit zur Verhinderung von Fluchtversuchen (BF informiert 39 (2017), ISBN 978-3-942130-82-0):

Der Tod von Wera Sandner und Rudolf Kühnle verdichtet wie kein zweiter die Dramatik und individuellen Schicksalsläufe, die hinter jedem Fluchtversuch standen und die in jeder wissenschaftlichen Untersuchung nur unzureichend erfasst werden können. Wera Sandner arbeitete im Geheimen für die Bezirksverwaltung des MfS in Cottbus als IM »Regina«, für die sie wohl vor allem ausländische Personen aufklären sollte. [2]

Gleichzeitig jedoch hatte sie sich offenbar mit dem Westdeutschen Rudolf Kühnle aus Nürnberg verlobt, den sie in Prag traf. Wann genau ihr Entschluss reifte, zusammen ihre Flucht in den Westen zu wagen, lässt sich nicht genau sagen. Im August 1972 jedoch reisten beide getrennt nach Bulgarien und wollten am Abend des 23. August 1972 mit einem präparierten westdeutschen Pass den Grenzübergang Kalotina nach Jugoslawien überqueren.[3]

Diesen Plan ließen beide offensichtlich spontan fallen und machten sich stattdessen in der Nähe des Grenzübergangs im Wald zu Fuß auf nach Jugoslawien. Gegen 22.30 Uhr wurden sie jedoch von den Grenzsoldaten entdeckt und angeblich »nach mehreren Warnschüssen«[4] von diesen erschossen. Wiederum schimmert durch die wenigen erhaltenen Berichte die Standardmeldung der bulgarischen Grenztruppen in Todesfällen durch: Nach Aufforderungen zum Stehenbleiben sollen sich die Flüchtenden widersetzt haben (Kühnle habe sogar mit Steinen nach dem Soldaten geworfen) und deswegen sei das Feuer gezielt eröffnet worden.[5] Auch dieser Fall zeigte, wie schnell und scharf im bulgarischen Grenzgebiet geschossen wurde. Dies war der einzige Fall, in dem auch ein westdeutscher Fluchthelfer unmittelbar getötet wurde, was zu (gänzlich wirkungslosen) diplomatischen Protesten führte.[6]

Die Zahl der Getöteten im Zusammenhang mit Fluchtversuchen von DDR-Bürgern über Bulgarien in den Westen ist bis heute unbekannt. Dieser Mord gehört zu den bisher kaum erforschtes Stück Zeitgeschichte der an den Grenzen des kalten Krieges ermordeten DDR-Bürger. Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Appelius [7] ist seit vielen Jahren auf den Spuren von Menschen, die wie Rolf Kühnle und Wera Sandner bei Fluchtversuchen an der bulgarischen Grenze ums Leben gekommen sind.

 

Am Freitag, 13. August 2021, 11 Uhr findet am Mauerdenkmal, Platz der Deutschen Einheit 1, 03044 Cottbus, eine Erinnerungsveranstaltung statt. Der Verein Aufarbeitung Cottbus lädt dazu ein.

Anmerkungen, Quellen und Hinweise:

[1] Dr. Christopher Nehring, langjähriger Wissenschaftlicher Leiter im Deutschen Spionagemuseum, Promotion zur Geheimdienstgeschichte an der Uni Heidelberg, Autor und Experte zu Geheimdienstthemen für die Deutsche Welle, Welt, ZDF, NZZ und Spiegel Online, unterrichtet Geheimdienstgeschichte an der Uni Potsdam.

[2] Siehe ihre Akte: BStU, MfS, AIM, Nr. VI/1060/71.

[3] Tatsächlich fand die bulgarische Staatssicherheit den unweit des Grenzübergangs zurückgelassenen Wagen Kühnles, in dem beide wohl zunächst versucht hatten, in dem westdeutschen Pass auf den Namen »Ewelina Wiremba« die Einreisestempel und Fotos von Wera Sanders anzubringen. Siehe die Auskunft des Abteilungsleiters der Untersuchungsabteilung-DS M. Shoshev an die Leitung der Untersuchungsabteilung und des MdI vom 24.8.1972; AKRDOPBGDSRSBNA-M, F. 1 op. 10 a.e. 1773, Bl. 3 f.

[4] Ebenda

[5] Siehe ebenso die Meldung Nr. 164/72 der HA VI v. 29.8.1972; BStU, MfS, AIM, Nr. VI/1060/71, Bl. 90 f.

[6] Vgl. z. B. das Telegramm des Presse- und Informationsdienstes der Bundesregierung zu dem Vorfall; AKRDOPBGDSRSBNA-M, F. 1 op. 10 a.e. 1773, Bl. 1 f.

[7] Freie Universität Berlin, Forschungsverbund-SED-Staat, Forschungsprojekt Todesfälle von DDR-Bürgern bei Fluchtversuchen über Ostblockstaaten (https://www.fu-berlin.de/sites/fsed/projekte/forschung/index.html)

Fotos: Prof. Dr. Stefan Appelius, Wikipedia, Christoph Polster

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